Die Tour ging los, wo zwei Jahre zuvor eine andere endete: in Bielefeld. Als ich gegen 19 Uhr am Hauptbahnhof ankam, sank die Sonne schon langsam Richtung Horizont. Die immer länger werdenden Schatten wiesen mir den Weg für den morgigen Tag. Heute ging es erstmal in die entgegengesetzte Richtung, durch den Teutoburger Wald nach Sennestadt zur Familie. Die warme Sonne tauchte dabei die Ponyhöfe in ein goldenes Licht.

In Sennestadt erwartete mich ein großartiges Empfangskomitee: Es wurde gegrillt, gebacken und viel gequatscht. Nach der großen Tafelrunde wurde der Abend mit einem Test des neu angeschafften Massagesessels beendet. Fazit: Großartig.
An der Ems nach Münster
Nach einem ausgiebigen Frühstück in etwas kleinerer Runde entschloss sich mein Onkel, mich die ersten 18 km bis Steinhagen zu begleiten. Dort wartete auf uns das nordwestlichste Wachstumsgebiet von Leberblümchen. Nach kurzer Wanderung fanden wir dann auch zwei oder drei Blümchen.

Dann wurde es schließlich doch Zeit, lebewohl zu sagen und den Anschluss zum Europaradweg zu suchen. Der auch als R1 bekannte Radweg hatte mich auf der Tour zwei Jahre zuvor von Wittenberg bis Oerlinghausen gebracht, und nun sollte er mich weiter bis nach Münster weisen.
Auf dem Weg dorthin beobachteten mich zahlreiche Vögel, unter anderem Fasane, Buchfinken, Meisen und Spechte. In Harsewinkel streifte ich die Fabrik von Claas, einem der größten Hersteller für landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge.

Außerdem hinterließen die Innenstädte von Warendorf und Telgte Eindruck.

Wie geplant traf ich bei Sonnenuntergang in Münster ein. Dort hatte ich mir über 1NiteTent einen Platz für mein Zelt in einem Garten in der Innenstadt von Münster organisiert. Das funktionierte wunderbar. Die Hosts waren super freundlich und wir haben noch bis spät viele Geschichten über einem fantastischen Abendbrot ausgetauscht.
Am Kanal in den Ruhrpott
Die Strecke am Vortag war letztlich länger als geplant, und die 100 km ohne viel Vortraining spürte ich am nächsten Morgen dann doch noch. Ich stand etwa eine Stunde später auf als geplant, baute das Zelt ab, genoss noch einen leckeren Kaffee und nahm mir doch nochmal Zeit für die Innenstadt von Münster. Ein Großeinsatz der Polizei machte es etwas schwierig, den Weg ins Zentrum zu finden, aber der Abstecher hat sich gelohnt. Nicht nur hat Münster eine herrliche Altstadt, es ist außerdem eine vielfach ausgezeichnete Fahrradstadt und dementsprechend angenehm zu befahren. Es gibt zahlreiche Fahrradstraßen, die einen in jede Ecke führen, unter anderem auch eine Ringstraße um die Stadt herum.

Diesen Straßen folgte ich für ein Frühstück zum Aasee und dann weiter südlich durch das Münsterland entlang des Eurovelo 9. Ich folgte dem Dortmund-Ems-Kanal bis Datteln.

Dort verließ ich schließlich den beschilderten Radweg und stürzte mich in den hektischen Verkehr des Ruhrpotts. Ein wenig Erholung lieferte kurze Zeit später die Emscher, bevor es weiter auf den Hauptstraßen bis nach Bochum ging. Die Stadt erreichte ich wieder bei Sonnenuntergang und besuchte dort Cousin und Cousine.
Quer durchs Ruhrgebiet in die Niederlande
Kurz nachdem ich am nächsten Morgen die Wohnung verließ, begann der Tag seine schlechte Wetterprognose zu bestätigen: Es begann zu regnen. Später sollte kalter Gegenwind und sogar Hagel dazukommen.

Das war zwar unangenehm, weckte aber gleichzeitig die Vogelwelt auf, und so traf ich auf zahlreiches Gefieder in den kleinen Parkanlagen von Bochum und Umgebung. Die Schauer dauerten dankenswerterweise auch nicht lange an, sodass ich Zuflucht unter Brücken und in Bäckereien finden konnte.

Die Strecke bestand heute vorrangig aus umgebauten Bahnstrecken und den Radwegen entlang der Ruhr und dem Rhein.
Zum späten Nachmittag wurden mit abnehmender Distanz zur Grenze die Städtenamen zunehmend exotischer: Unter “Mühlhausen” konnte man sich noch was vorstellen, hinter dem Rhein musste man bei Städten wie “Aldekerk” schon etwas nachdenken, um auf “Altkirchen” zu übersetzen. In “Straelen” wusste ich dann nicht mal mehr die korrekte Aussprache (“Strahlen”, wie ich später gelernt habe).
Als ich in Straelen ankam, war die Sonne bereits seit einiger Zeit untergegangen. Ihr letztes rotes, aber blasses Licht umrandete nun eine tiefdunkle Gewitterwolke, was meine Motivation, schneller zu fahren, nochmal verstärkte. Mein Host, der mir netterweise über 1NiteTent wieder einen Zeltplatz angeboten hatte, sah diese Wolke ebenfalls und bot an mich mit seinem Pickup abzuholen. Es waren nur noch fünf Kilometer, und auf den Aufbau des Zeltes bei Regen hatte ich keine Lust. So nahm ich das Angebot dankend an. Beim nächsten Parkplatz setzte dann auch der Regen ein.
Bis jetzt deutet alles auf eine eher anstrengende Nacht hin. Glücklicherweise erwies sich das als Trugschluss. Zum einen sollte ich die Nacht nicht im Zelt, sondern in einem umgebauten Bauwagen schlafen. Ich hatte ein Bett, eine Heizung, einen kleinen Herd und am allerwichtigsten: einen trockenen Platz. Um den Wagen herum liefen ein paar neugierige, aber schüchterne Schafe. In der Nacht fielen die Temperaturen auf unter 0 °C, was dank meines Daunenschlafsacks und der Heizung aber kein Problem war.
An der Maas
Am nächsten Morgen wärmte ich mich mit einem heißen Kaffee und etwas Müsli wieder auf. Entlang der Maas ging es nun zunächst in die Niederlande nach Venlo.

Dort gab es Kibbeling zum Mittag und ein schönes Stück niederländischen Käse. Der Maas folgte ich dann den ganzen Tag weiter nach Süden bis Maaseik. Der Radweg war super ausgebaut, und die niederländischen Städte waren mit dem Rad sehr angenehm zu befahren. Es gab viele Radstraßen und Radampeln mit Countdown bis zur nächsten Grünphase. Ab und zu erwischte mich ein Hagelschauer, ansonsten schien die Sonne.

In dieser Region wurde sogar für Radfahrer ein Netzwerk aus nummerierten Knotenpunkten aufgebaut. Dies hatte den Vorteil, dass man sich seine Route selbst zusammenbauen konnte. Gleichzeitig konnte man aber nicht mehr den Schildern nach Maastricht folgen, sondern musste sich auf der Karte eine Folge von Knotenpunkten raussuchen und notieren oder merken. Ich verbrachte sicherlich einige Stunden mit der meditativen Wiederholung von “13 – 42 – 118” (oder so).

In Maaseik wechselte ich dann unbewusst bereits in das dritte Land auf dieser Tour: Belgien. Belgische Städte haben ähnlich schöne Altstädte wie in den Niederlanden, allerdings gibt es mehr moderne Bauten und beim Bau der Straßen wurden Radfahrer ein wenig vernachlässigt.

Mit der untergehenden Sonne erreichte ich dann wieder meinen Schlafplatz, diesmal in Schalbruch. Das Dorf liegt in Deutschland am Dreiländereck. Es gibt genau eine Straße, die in das Dorf hineinführt, und dahinter liegt Wald. Im Dorf gibt es zwei parallele Straßen, und zwischen diesen Straßen war mein Ziel. Dort hatte jemand ein kleines Paradies aufgebaut. Es gab eine Partyscheune mit Holzofen und Bar, eine Sauna und eine Außendusche. Alles selbstgebaut aus recycelten Materialien. Das Lieblingswerkzeug: Der Tacker. Zusammen haben wir vor dem Kamin auf der Terrasse bei einem leckeren Getränk viel gequatscht, bis es schließlich Zeit wurde, in der beheizten Hütte den Schlafsack auszupacken.
Belgien
An Tag fünf sollte es so richtig nach Belgien reingehen.

Zunächst musste ich aber erst mal Deutschland verlassen und an der Maas das kurze Stück bis Maastricht fahren. Die Stadt erreichte ich erst zum späten Nachmittag. Ich kannte die Stadt bereits von einem früheren Besuch, und so fuhr ich einfach durch weiter zu meinem Bivakplatz vor Borgloon. Um nicht zu spät anzukommen, folgte ich nicht der verwinkelten Heuvelroute, sondern nahm die weniger schöne, aber direktere Hauptstraße. Dank Fahrradwegmarkierung auf der Straße war dies auch recht sicher. Die Zeit zur Besichtigung von Tongeren nahm ich mir trotzdem.

Der Bivakplatz lag zwischen Apfelstauden in einem Boomgarden. Für die Zelte gab es Holzplattformen, die ich aber aufgrund des starken Windes nicht nutzen konnte. Stattdessen kam das Zelt in eine der Schutzhütten, wodurch es die Nacht auch trotz des Regens einigermaßen trocken blieb. Den Bivakplatz hatte ich über eine Online Karte gefunden.

Mit etwas mehr Zeit hätte ich nicht die Heuvelroute genommen, sondern wäre etwas weiter südlich dem EV19 an der Meuse gefolgt und wäre so unter anderem durch Lüttich und Namur gekommen. Auf dieser Route gab es allerdings auch weniger Bivakplätze. 1NiteTent ist auch eher in Deutschland verbreitet, mit anderen Plattformen wie Welcome to my Garden findet sich da aber bestimmt auch was.
Leuven
Tag zwei in Belgien brachte mich entlang der Heuvelroute (“Hügelroute”) über verschiedene Felder und durch schöne Städte wie Sint Truiden und Trienen.


Abends erreichte ich dann eine der schönsten Städte Europas: Leuven. Wie jeden Tag erreichte ich die Stadt im Licht der untergehenden Sonne.

Auf dem Weg zur Unterkunft kam ich der beeindruckenden Brauerei von Stella Artois vorbei.

Die Altstadt ist wunderschön, insbesondere das Rathaus und die Tafelrunde. Die Nacht verbrachte ich wieder mit Zelt im Garten.
Noch beeindruckt von Leuven beschloss ich, die kurze Strecke bis Brüssel auf den Nachmittag zu schieben und stattdessen die Stadt nochmal so richtig zu besichtigen. Ich ergoogelte mir kurz die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und radelte nochmal zum Rathaus,

zur Bibliothek

zur Abtei

und durch das Beginenviertel.

Brüssel
Um nach Brüssel zu kommen, nahm ich nicht die Schnellroute im Norden, sondern beschloss die grünere Strecke durch Wald und Parkanlagen im Süden zu nehmen.

Am Abend kam ich dann in Brüssel an, besuchte einen guten Freund und besichtigte das EU-Viertel.

Für die Nacht hatte ich wieder einen Platz über Welcome to my Garden gefunden, diesmal bei einem älteren Ehepaar im Enkelzimmer.
Nach einem ausgiebigen Frühstück und einem netten Gespräch mit meinem gebrochenen Französisch sowie Händen und Füßen fuhr ich in die Innenstadt und weiter zum Atomium. Dort sah ich dann meinen ersten IMAX-Film im Kinepolis direkt nebenan.



Zum Abendbrot hatten meine Hosts ein fantastisches Essen mit Steak, Pommes und Rotwein vorbereitet. Zur Nachspeise gab es eine Schokoladencreme und russischen Zigaretten (belgische Waffeln).
Am Abend fuhr ich nochmal in die Innenstadt und bestaunte die schön beleuchteten Fassaden vom Rathaus und der umliegenden Zunfthäuser.


Auf Empfehlung meiner Gastgeber lief ich auch nochmal durch die Galerie de la Reine (Königsgalerie).
